Ein digitales Regal für Lieblingsfilme und -serien

Die Internetplattform Shelfd.com sorgt für Ordnung im Dschungel von Mediatheken und Streamingdiensten. Betrieben wird sie in Beelitz

Von Thomas Lähns

Viele kennen das Dilemma: Man nimmt sich vor, einen Film- oder Serienabend auf der Couch einzulegen, aber bis man endlich etwas Passendes aus den unzähligen Internet-Mediatheken und Streaming-Diensten gefunden hat, kann man eigentlich schon wieder ins Bett gehen. Die Lösung für chronisch Unschlüssige kommt aus Beelitz: Eine Internetplattform, die das Beste aus allen möglichen Online-Angeboten zusammenträgt und – auf Wunsch – entsprechend der eigenen Präferenzen von Romantik über Action bis Doku filtert. „Shelfd.com“ ist ein „Start-up“-Unternehmen, das mittlerweile 30.000 registrierte Nutzer kostenlos mit Filmtipps versorgt, und das seinen Sitz im Ortsteil Schlunkendorf hat.

 

Die wenigsten wissen, welche Filmperlen es im Internet kostenlos zu sehen gibt

Denn dort ist der Begründer der Seite, David Streit, vor einiger Zeit hingezogen – oder besser gesagt zurückgekehrt. Mit seiner Vita entspricht der 32-Jährige dem Idealtypus des jungen Menschen, der für ein Studium vom Lande in die Großstadt zieht, danach aber wieder den Weg zurück in die Heimat findet, wo die Familie lebt und die Wurzeln liegen. Streit selbst stammt aus Borkheide, hat sein Abitur am Sally-Bein-Gymnasium gemacht. Schon damals hatte er durch AG’s wie die Schulhomepage und die Schulchronik seine Interessen vertieft. Dann wurde er zum Wahlberliner und blieb es zwölf Jahre.

 


Seine Freundin stammt indes aus Schlunkendorf, wo die beiden nun das Haus der Großeltern übernommen und saniert haben, um darin zu leben – und auch zu arbeiten. „Das Umfeld ist einfach toll. Wenn ich eine Pause vom Bildschirm brauche, mache ich einen Spaziergang oder eine Radtour durch die Natur. Und wenn ich Termine in Berlin habe, was häufig vorkommt, komme ich auch ohne Auto gut mit Bus und Bahn dorthin.“ Auch die Internetverbindung – für seine Arbeit unerlässlich – ist in Schlunkendorf mit 50 Mbit pro Sekunde absolut ausreichend.

 

Shelfd-Gründer David Streit. Foto: Hella Wittenberg
Shelfd-Gründer David Streit. Foto: Hella Wittenberg

Die Idee zu „Shelfd“ – das Wort ist eine Kombination aus dem englischen „Regal“ und einem D für digital – hatte David Streit im Studium: Für seine Masterarbeit im Design-Studiengang an der Fachhochschule Potsdam war er dem Phänomen nachgegangen, wie die Video- und DVD-Regale in den Wohnzimmern durch die Digitalisierung immer leerer geworden sind. Heute hortet man Filme höchstens noch auf der Festplatte oder mittlerweile komplett virtuell in der persönlichen Bibliothek auf Netflix, Amazon Prime und Co. Die Idee eines „digitalen“ Regals, in das man seine Favoriten stellen kann, lag da nahe. „Angefangen hatte es als Newsletter mit Filmtipps, die ich an eine Handvoll Leute geschickt habe“, erinnert er sich. Daraus ist dann bald mehr geworden, 2017 ging die Seite ins Netz. Heute wird sie 200 000 Mal im Monat angeklickt.

 

Mit zehn Kollegen, die über ganz Deutschland verteilt sind, sucht David Streit Serien und Filme aus den Weiten des Internets heraus und empfiehlt sie weiter, vor allem frei zugängliche. „Die wenigsten wissen, welche Filmperlen da so schlummern. Filme, die man sich ohne Registrierung und ohne Bezahlung anschauen kann.“ Für Nutzer, die trotzdem auch bei Bezahldiensten wie Amazon Prime oder Netflix angemeldet sind, gibt es aber gleichwohl auch Empfehlungen zu deren Angeboten.

Doch das ist längst nicht alles, was „Shelfd“ zu bieten hat - es entstehen immer wieder neue Ideen: So stellt das Shelfd-Team auch ein erstes Bezahlprodukt zur Verfügung, mit dem sich Nutzer alle Neustarts der eigenen Streamingdienste automatisch in ihrem Kalender anzeigen lassen können. Quasi als Ersatz zur Fernsehzeitschrift.

 

Umweltbewusste können sich außerdem die Klimabilanz ihrer Sehgewohnheiten automatisch errechnen lassen. Denn die Server, von denen man „streamt“ verbrauchen natürlich auch Strom und produzieren damit CO2. Für das gute Gewissen kann man das gleich kompensieren – mit einer entsprechenden finanziellen Zuweisung von ein paar Euro an die Initiative „Prima Klima“, die solche Kleinspenden zusammenträgt und dafür ganze Wälder aufforstet. „Das ist einer von vielen Partnern von Shelfd.“ Die neueste Entwicklung ist ein eigener Podcast, also eine Internetsendung, in der neue Filme und Serien vorgestellt werden und man die Filmemacher zum Interview trifft. Dieser trägt den Titel „Cliffhanger – Streaming zum Hören“ und ist über das Shelfd-Portal erreichbar.

 

 

Längst vorbei sind die Zeiten, als die Familie noch vor dem Fernseher zusammenkam, um Samstagabendshows zu schauen


Ein weiteres Kerngeschäft ist von Anfang an auch das Verfassen von Filmrezensionen gewesen. „Wir bieten unsere Redaktionsdienste verschiedenen anderen Plattformen an, zum Beispiel Zeit-Online, Unikum oder Musikexpress“, berichtet David Streit, der erklärter Film-Fan ist und dementsprechend auch viele Streifen aus dem Kino kennt. Einnahmen aus der Werbung spielen, anders als man es bei den beachtlichen Nutzerzahlen vermuten würde, nicht die Hauptrolle. „Die Seite soll auf keinen Fall überfrachtet werden. Wenn wir Werbung zulassen, dann nur solche, die auch mit dem Thema zu tun hat.“ Das Filmvergnügen soll im Vordergrund stehen.

 

Und das hat sich radikal verändert: Längst vorbei sind die Zeiten, als die Familie noch vor dem Fernseher zusammenkam, um gemeinsam eine der Samstagabend-Shows zu verfolgen. Unterhaltung ist heute individueller, jeder schaut in erster Linie, was ihn interessiert - wann er möchte und Zeit dazu hat. Daraus ist – zugegeben - eine wahre Flut von Angeboten entstanden, in die man aber nun ganz leicht Ordnung bringen kann – mit ein wenig Hilfe aus Beelitz. David Streit möchte mit seiner Plattform anderen jungen Leuten zeigen, dass es sich lohnt, Projekte zu entwickeln und umzusetzen. „Jeder kann etwas aus seinen Ideen machen“, sagt er. Und das nicht nur in der Metropole, sondern auch draußen auf dem Lande.

 


Mit blauem Auge

Die Beelitzer Spargelbauern hatten durch die Corona-Eindämmung und das Ausbleiben der Erntehelfer heftige Einbußen. Doch die Verluste waren weniger hoch, als anfangs befürchtet

Von Antje Schroeder

Schlimm, aber nicht so schlimm wie befürchtet: Das ist die einhellige Meinung der Spargelbauern zur diesjährigen Saison, die traditionell am 24. Juni beendet worden ist. „Unter den Blinden sind wir die Einäugigen“, sagt Jürgen Jakobs, Vorsitzender des Beelitzer Spargelvereins und mit seinem Bruder Josef zusammen Inhaber der Jakobs-Höfe in Beelitz und Schäpe. Immerhin konnten die Spargelbauern trotz der Grenzschließungen infolge der Ausbreitung des Coronavirus‘ noch eine große Anzahl an osteuropäischen Erntehelfern ins Land holen.

 

„Ich bin zufrieden, gemessen daran, dass wir erst gar nicht wussten, wie es wird“, sagt der Zauchwitzer Landwirt Thomas Syring. Seine leitende Angestellte Anica Schauer erinnert daran, dass anfangs noch nicht einmal klar war, ob die Bauern ihre Verkaufsstände aufmachen dürften. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.“ Und Gerald Simianer aus Busendorf verweist darauf, dass höhere Preise einen Teil der wegfallenden Erntemengen wieder ausgeglichen hätten. Um durchschnittlich einen Euro sei der Spargel teurer gewesen als in anderen Jahren. „Unterm Strich ist es keine Katastrophe geworden, aber es ist auch nicht zum himmelhoch Jauchzen“, sagt der Inhaber des Spargelhofs Klaistow, Ernst-August Winkelmann.

 

Die Einbußen waren gleichwohl heftig. Ein Viertel bis ein Drittel der Saisonarbeiterinnen und -arbeiter konnten erst gar nicht anreisen. Bei Syring kamen beispielsweise nur 40 statt sonst 60 Helferinnen und Helfer aus Polen, Rumänien und Bulgarien. Bei Simianer waren es 60 statt 90 Spargelstecher. Er konnte anders als einige Kollegen keine Flüge für seine zumeist kroatischen Arbeiterinnen und Arbeiter organisieren – aus Zagreb hob schlicht kein Flieger ab. Winkelmann und die Jakobs-Brüder flogen immerhin in Sonderaktionen Erntehelfer aus Rumänien ein – insgesamt 300 waren am Ende bei Jakobs in Schäpe und Beelitz untergebracht, Winkelmann hatte noch 800 Helferinnen und Helfer ins Land holen können.

 

Weniger Helfer, das bedeutete weniger Ernte. Statt sonst 330-350 Tonnen Spargel konnte Simianer nur rund 250 Tonnen ernten. Thomas Syring hatte schon im Vorfeld zehn von insgesamt 45 Hektar Spargel gar nicht erst für die Ernte vorbereitet. Winkelmann hatte zwar auch inländische Kurzarbeiter und Studenten angeheuert – trotzdem konnte er am Ende nur 70 Prozent der Ernte einbringen. Insgesamt schätzt Jakobs, dass die Beelitzer Bauern nur zehn Millionen Kilogramm Spargel ernten konnten – statt sonst zwölf Millionen. Hinzu kamen steigende Kosten, unter anderem durch die zusätzlichen Flüge und durch die Auflagen des Gesundheitsamtes. So konnten bei Syring statt vier nur zwei Helfer in einem Zimmer wohnen. Die Spargelstecher mussten in Kleingruppen aufgeteilt und in ihren jeweiligen Gruppen zu den Feldern gebracht werden. „Wir haben 20-30 gebrauchte Autos angeschafft“, so Jakobs. Die Zusatzkosten beziffert er auf 500 bis 800 Euro pro Arbeiter – die meisten Bauern hätten diese Kosten übernommen, statt sie den Erntehelfern aufzubürden.

Ernst-August Winkelmann, Spargelhof Klaistow
Ernst-August Winkelmann, Spargelhof Klaistow

"Es ist keine Katastrophe geworden, aber es ist auch nicht zum himmelhoch Jauchzen."


 

Strenge Sicherheitsmaßnahmen hatte auch Winkelmann bei seinen Erntehelfern eingeführt. Diese durften beispielsweise nicht die ehemalige Kaserne in Hennickendorf, wo sie untergebracht sind, für Einkäufe oder Besuche bei Landsleuten in Berlin verlassen. Harte Beschränkungen, die aber Winkelmann zufolge auch bei den Arbeiterinnen und Arbeitern auf Zustimmung stießen, da sie dadurch selbst besser vor Corona geschützt waren. „Wir ziehen das voll durch und sind die ganze Zeit komplett in Quarantäne“, sagt Winkelmann.

 

Der höhere Spargelpreis kam den Bauern nur bedingt zugute – sie konnten davon praktisch nur an den eigenen Ständen und in den Hofläden profitieren. Im Einzelhandel seien höhere Preise nicht durchsetzbar, so Jakobs. Schließlich säßen die Beelitzer Spargelbauern gegenüber den mächtigen Handelskonzernen am kürzeren Hebel. Die Jakobs-Brüder liefern 50 Prozent ihrer Ernte an Ketten wie Edeka und Rewe.

Thomas Syring, Syringhof Zauchwitz
Thomas Syring, Syringhof Zauchwitz

"Gemessen daran, dass wir erst nicht wussten, wie es wird, bin ich zufrieden.“


 

Mit der Zwangsschließung aller Restaurants bis Mitte Mai fielen zudem wichtige Kunden aus. Ein Fünftel beim Umsatz und der Menge entfallen üblicherweise auf den so genannten „Schäl-spargel“, mit dem die Bauern die Gastronomie beliefern. Hinzu kommt die lange Schließung der eigenen Restaurants, die einen wichtigen Teil zum Umsatz beitragen. Simianer hatte seine Gaststätte erst gar nicht aufgemacht, das Zelt nicht aufgebaut. „Es hat sich nicht mehr gelohnt.“ Bei Jakobs ist rein optisch an einem sonnigen Mittwochvormittag im Juni zwar wieder einigermaßen viel los – doch insgesamt seien die Leute beim Hofbesuch zurückhaltend, sagt er. Ähnliches berichtet Winkelmann. „Der Hof fängt an zu laufen und ist gut, aber nicht übermäßig besucht.“


 Bund und Länder unterstützen die Corona-geplagte Wirtschaft, davon konnten auch Spargelbauern in Brandenburg profitieren. Für Agrar-, Forst-, Fischerei- und Gartenbaubetriebe bis zu 100 Beschäftigten hat das Agrarministerium ein eigenes Förderprogramm aufgelegt. Bis zu 60.000 Euro Soforthilfe konnten von der Krise betroffene Betriebe  erhalten. Bisher seien mehr als 600 Anträge eingegangen und 4,4 Millionen Euro bewilligt, so die Sprecherin des Ministeriums, Frauke Zelt. Für die Ausfälle in der eigenen Gastronomie konnten die Spargelhöfe indes bei der Investitionsbank des Landes Zuschüsse beantragen.

 

Nicht zuletzt gab es auch positive Nebeneffekte: Vom Spargel-Drive in bei Winkelmann bis hin zum „Spargel to Go“ bei Jakobs – viele in der Not geborenen Ideen könnten zum Dauerbrenner werden. „So eine Krise kann auch neue Impulse geben“, sagt Anica Schauer, Marketingchefin bei Syring. So hätte man das bargeldlose Zahlen an den Ständen ausgeweitet und viele neue Leute kennengelernt. An manchen Spargelständen würden nun sogar Musiker als Verkäufer arbeiten. Jeder Hof hätte die Corona-Probleme für sich gelöst, sagt Jakobs. Die Saison sei „herausfordernd“ und „wirtschaftlich schwierig“ gewesen – doch unterm Strich ist es in Beelitz besser gelaufen als anderswo. Im Münsteraner Raum seien nur die Hälfte der Erntehelfer angereist, berichtet er. Bundesweit seien fünf bis sechs Spargelhöfe in die Insolvenz gegangen. „Das hat es vorher nicht gegeben“, sagt Jakobs. Sein Kollege Winkelmann sagt: „Für so ein schlimmes Jahr sind wir mit 70 Prozent ganz zufrieden.“

 


Bei Steffi Schmidt dürfen männliche Küken aus Legebetrieben aufwachsen. Auch sie werden irgendwann geschlachtet, aber bis dahin haben sie ein artgerechtes Leben.  Fotos: Antje Schroeder
Bei Steffi Schmidt dürfen männliche Küken aus Legebetrieben aufwachsen. Auch sie werden irgendwann geschlachtet, aber bis dahin haben sie ein artgerechtes Leben. Fotos: Antje Schroeder

Wo die Hähnchen wachsen dürfen

Unternehmerin Steffi Schmidt zieht sogenannte Bruderhähne auf - also männliche Küken, die in Legegroßbetrieben normalerweise getötet werden würden

Von Antje Schroeder

Wie kleine weiße Wollknäuel stehen sie auf der Wiese und picken. Andere Hähnchen sind noch im Stall, lassen sich von der Heizsonne Wärme auf die Federn strahlen. Auf einmal kommen alle nach draußen gestürzt. „Da hat wohl einer einen Wurm gefunden“, sagt die Halterin Steffi Schmidt und schmunzelt. Die Inhaberin des Kaninchenspezialitätenbetriebs in der Brücker Straße zieht seit ein paar Monaten so genannte „Bruderhähne“ auf. Das sind männliche Küken aus der Legehennen-Züchtung, die normalerweise als wirtschaftlich schlecht zu verwerten gelten – sie setzen weniger Fleisch an als Masthähnchen und legen keine Eier. Deshalb landen diese Küken oft im Schredder. Seit einigen Jahren haben Geflügelhalter mit der Aufzucht der männlichen Legeküken begonnen, um dieses grauenhafte Gemetzel zu verhindern.

 

Steffi Schmidt hat durch einen Geflügelhalter aus Zauchwitz von den Bruderhähnen gehört – und war sofort Feuer und Flamme. „Es hat mich geärgert, dass die männlichen Legehähnchen gar nicht gebraucht werden“, sagt die gelernte Pferdewirtin, die das Kaninchen-Unternehmen von ihrem Vater übernommen hat. Derzeit hat sie schon den dritten Durchgang - jeweils 100 junge Hähne. Künftig will sie das aufteilen, und alle 14 Tage 50 neue Hähne dazu nehmen. Die Bruderhähne werden zwar am Ende auch geschlachtet, dürfen davor aber noch acht bis zehn Wochen auf der Wiese picken und herumrennen. Zwei- bis dreimal so lange wie bei Masthühnern dauert die Aufzucht, entsprechend teurer sind Futter und Nebenkosten.

 

Dreieinhalb bis vier Kilo Mais, Weizen und Haferschrot verzehrt ein Bruderhahn im Laufe seines Lebens. Ein Kilo Bruderhahn kostet deshalb bei Schmidt im Laden in der Berliner Straße oder auf dem Wochenmarkt in Werder 7,99 Euro, statt 6,99 Euro für ein Maishähnchen aus Bodenhaltung. Und das ist schon günstig, verglichen mit Berlin. Mit den Preisen für Hühnchen aus Massentierhaltung ist das natürlich nicht zu vergleichen. Dafür ist das Fleisch dieser durchtrainierten Hähnchen schön fest. Und es ist etwas Besonderes. „In Werder kamen die Kunden eine Woche später wieder und fragten, ob wir wieder Bruderhahn hätten“, sagt Steffi Schmidt.

 

 

 

Man muss nicht jeden Tag Fleisch essen. aber wenn, dann sollte es ordentliches sein.


 

Ein Vorteil ist auch, dass sie auf dem Grundstück in der Brücker Straße – hinter der Produktionshalle für die Kaninchenverarbeitung – ohnehin Platz hat. Dort wachsen auch alle möglichen anderen Tiere auf: Enten und Gänse und Nutztiere, die teilweise auf der roten Liste stehen. Das ist eine Art Hobby von Schmidts Mann Manfred Memmert, der sich damit einen Traum im Ruhestand erfüllt. Beispielsweise hält er hier Husumer Landschweine, auch dänische Protestschweine genannt. Diese Rasse wurde einst von in Nordfriesland lebenden Dänen gezüchtet, weil sich in ihrem Fell der Dannebrog abzeichnet – die dänische Flagge, die nach der preußischen und österreichischen Besetzung von Schleswig und Holstein Ende des 19. Jahrhunderts nicht gehisst werden durfte. Hier laufen auch Sundheimer Hühner herum, die als Zwiehuhn sowohl Fleisch liefern als auch Eier.

 

Es sind Tiere, die nicht unbedingt den Rentabilitätsgeboten einer hochspezialisierten Landwirtschaft genügen. Sie haben aber trotzdem viele Vorteile. So ist das kurzfaserige Fleisch der Burenziege zarter als Lammfleisch und sehr begehrt. Spezialitäten-Fleisch, das natürlich seinen Preis hat. Aber es findet seinen Absatz. Und es kommt von Tieren, die im Freiland und mit viel Platz aufwachsen durften und vermutlich ein gutes Leben hatten. „Man muss nicht jeden Tag Fleisch essen, aber es muss ordentlich sein“, sagt Schmidt.

 


In der Krise liegt die Kraft

Viele Unternehmen im Land müssen aufgrund der Corona-Pandemie aufgeben. In Beelitz ist das offensichtlich anders: Hier legen drei Geschäfte erst so richtig los

Von Antje Schroeder

Das Team des Beelitzer Schlüsseldienstes um Burkhard (2.v.l.) und Oliver Kasten (M.). Fotos: Antje Schroeder
Das Team des Beelitzer Schlüsseldienstes um Burkhard (2.v.l.) und Oliver Kasten (M.). Fotos: Antje Schroeder

In jeder Krise steckt eine Chance - wohl nirgendwo passt dieses Sprichwort dieser Tage besser als in Beelitz. Während durch die  Corona-Pandemie und die Eindämmungsmaßnahmen allerorten Unternehmen ins Schlingern geraten sind, sogar schließen mussten, haben in Beelitz gleich drei neue Geschäfte eröffnet.

 

„Man muss weiterdenken“, sagt Burkhard Kasten von der gleichnamigen Metallbaufirma aus Wittbrietzen, der zusammen mit seinem Sohn Oliver den bisherigen Schlüsseldienst Bachmann in der Clara-Zetkin-Straße, gegenüber des Beelitzer Lustgartens, übernommen und Anfang Mai wiedereröffnet hat. Der Vorbesitzer hatte nach neun Jahren einen Nachfolger gesucht. Die beiden bisherigen Angestellten haben Kastens gleich mitübernommen – den Berater Klaus Ermler und den Außendienstmitarbeiter Mike Beschnitt, die mit ihren 29 beziehungsweise 30 Jahren Betriebszugehörigkeit schon „Urgesteine“ sind. Am grundsätzlichen Sinn der Geschäftserweiterung haben Vater und Sohn keinen Zweifel: „Metallbau und Schlüsseldienst passen zusammen“, sagt Oliver Kasten. Wer sich beispielsweise ein Tor bauen lässt, ist froh, wenn er die Schließanlage gleich mitkaufen kann.

 

Durch die behördlich angeordnete Schließung aller nicht unmittelbar lebensnotwendigen Geschäfte hatten die Kastens die geplante Wiedereröffnung zunächst um zwei Wochen verschieben müssen – immerhin etwas Zeit, um den Laden etwas gründlicher umzuräumen.

"Dann war auf einmal alles dicht. Das war hart!"


Die Inhaberin des neuen Vintage Lädchens in der Poststraße, Jeanette Behnke, musste sogar noch fast zwei Wochen länger warten - denn ein guter Teil der Ware war schlicht nicht lieferbar. Bei Privatpersonen und Händlern bis nach Holland und Dänemark sucht Behnke, die seit einigen Jahren auch das Café „Zur Alten Wache 1903“ am Kirchplatz führt, nach alten Möbeln und neuen Einrichtungsgegenständen – beispielsweise ein altehrwürdiges Küchenbuffet aus der Jahrhundertwende oder dekorative Kisten aus der Defa-Requisite. Diese arbeitet ihr Mann, der zugleich Geschäftsführer des Vintage Lädchens ist, dann auf. Oft genug gestaltet er sie auch um: Türen alter Schränke werden zur stilvollen Garderobe, alte Munitionskisten dienen als Bar.

 

Das Vintage Lädchen ist für Behnke die logische Erweiterung ihres Cafés, wo sie ebenfalls schon alte Sachen verkauft hatte.  Der Platz wurde dort schlicht zu eng. Die Coronazeit bedeutete für Behnke einen harten finanziellen Einschnitt, besonders auch fürs Café. Aufgeben kam für die Unternehmerin, die ursprünglich aus Schönefeld stammt, trotzdem nicht in Frage. Hatte sie sich doch mit dem Café und nun mit dem Laden einen Traum erfüllt. „Ohne die finanzielle Unterstützung der Familie wäre es nicht gegangen“, sagt sie. Seit der Eröffnung am 13. Mai sei das Vintage Lädchen „gut angelaufen“, sagt Behnke.

Abderrezak Bekal hat fünf Jahre lang nach einem geeigneten Restaurant gesucht. Ausgerechnet jetzt ist er fündig geworden: In Beelitz.
Abderrezak Bekal hat fünf Jahre lang nach einem geeigneten Restaurant gesucht. Ausgerechnet jetzt ist er fündig geworden: In Beelitz.

Der Betreiber des argentinischen Steakhauses Los Ríos gleich neben dem Schlüsseldienst, Abderrezak Bekal, hatte indes schon fünf Jahre nach einem Restaurant gesucht und die Eröffnung für den 1. April geplant. „Dann war auf einmal alles dicht, das war hart“, sagt Bekal, der ursprünglich aus Algerien stammt. Das neue Steakhaus hat er nun Anfang Juni aufgemacht – was von vielen Beelitzern schon mit Spannung erwartet worden war. Die Speisekarte umfasst neben argentinischen Steaks, die je nach Wunsch mehr oder weniger durchgebraten werden, auch Pizza, Pasta und weitere italienischen Gerichte.

 

Er versuche, ein breit gefächertes Angebot zu machen, sagt Bekal, der als gelernter Koch auch selbst in der Küche steht. Das traditionelle nordafrikanische Gericht Couscous – eine Art Eintopf mit Hartweizengrieß – hat er bisher nicht auf der Karte. Er könne es aber zubereiten, sagt Bekal, der seit 24 Jahren in Deutschland lebt. „Meine Mutter hat mir beigebracht, Couscous zu kochen“. Bekals Frau, die aus Frankfurt (Oder) stammt, arbeitet im Restaurant mit. Bekal würde auch noch gern eine Kellnerin einstellen, am liebsten aus Beelitz.

 

Erschwert wird die Lage nun dadurch, dass Bekal wegen der strengen Corona-Hygienevorschriften statt 75 Plätzen nur 35 besetzen kann, hinzu kommen 14 Sitze vor dem Restaurant auf dem Trottoir. „Es ist ein bisschen schwierig, aber es wird schon gehen“, sagt Bekal.  Die Corona-Pandemie treffe schließlich nicht nur sein Restaurant, sondern sei eine weltweite Krise. Mit dem Standort ist er sehr zufrieden. Besonders die Stadt Beelitz hat es ihm angetan. Es sei ein schönes Städtchen. „Beelitz ist vom Flair her eher italienisch oder französisch als typisch deutsch“, sagt der Gastronom.

"Wenn keiner mehr was wagt, kommt die Wirtschaft nie wieder in die Gänge"


Jeanette Behnke im neuen Vintage-Lädchen in der Poststraße.
Jeanette Behnke im neuen Vintage-Lädchen in der Poststraße.

Bürgermeister Bernhard Knuth freut sich immer, wenn jemand so ins Schwärmen gerät über seine Stadt. „Ja, Beelitz ist schön, was aber nicht nur an den Gebäuden und Plätzen liegt, sondern vor allem auch an den Menschen, die hier leben.“ Dass die Stadt relativ gut durch die Krise gekommen ist, liege nicht zuletzt am großen Zusammenhalt in Beelitz, dass einer für den anderen einstünde. Und dadurch verbreitet sich Zuversicht. „Gewerbetreibende, die sich in solchen Zeiten nicht beirren lassen sondern weitermachen, sogar investieren, ein neues Geschäft gründen, tragen unheimlich stark dazu bei, das man in Beelitz frohen Mutes ist und mit einem Lächeln in die Zukunft schaut.“

 

Ob es besonderen Mut braucht, mitten in der Corona-Krise neu aufzumachen? Die Inhaber der drei Geschäfte sind sich einig: Nicht nur wegen Corona, sondern generell braucht es Mut, ein Unternehmen zu gründen. Jeder von ihnen hat schon Umbrüche erlebt. Behnke hatte schon bis vor acht Jahren einen Einrichtungsladen in Großbeeren. Sie musste ihn damals aufgeben, weil der Vermieter wegen Eigenbedarfs gekündigt hatte. Bekal betrieb bis vor fünf Jahren mit einem Partner das Steakhaus in Nauen. Dort stieg er aus, weil es Differenzen gab. Burkhard Kasten musste nach der Wende komplett neu anfangen. „Es war ja alles weg“, sagt er.

 

Vielleicht ist es ihre Erfahrung, welche die Unternehmer zuversichtlich bleiben lässt. Den Familienbetrieb Kasten gibt es schon seit 170 Jahren –1850 wurde die Huf- und Waffenschmiede in Wittbrietzen erstmals urkundlich erwähnt. Die Vorfahren beschlugen Pferde, bauten später Kutschen und mussten in beide Weltkriege ziehen. Wer schon in der 7. und 8. Generation ein Unternehmen führt, den kann wahrscheinlich nichts mehr so leicht schrecken. Jede Generation müsse eben ihr eigenes Risiko tragen und weiterarbeiten, sagt Burkhard Kasten. „Wenn keiner mehr was wagt, kommt die Wirtschaft nie wieder in die Gänge."


Weitere Unterstützung für Beelitzer Gewerbetreibende

Anzeigen und Firmenpräsentationen werden im Stadtblatt "Beelitzer Nachrichten" in den nächsten Ausgaben Kostenlos sein

In Beelitz bekommen Gewerbetreibende die Möglichkeit, sich für die Zeit nach der Corona-Krise zu wappnen - indem sie ihre Kundschaft auf dem Laufenden halten und für sich und ihre Arbeit werben. Die nächsten Ausgaben des Stadtblattes „Beelitzer Nachrichten“ stehen Beelitzer Betrieben zur Verfügung, um Anzeigen und Unternehmensportraits zu veröffentlichen oder über neue Angebote zu informieren - und das kostenfrei. „Wir möchten unsere Unternehmen soweit wie möglich unterstützen“, sagt Bürgermeister Bernhard Knuth. Denn während es sonst die heimische Wirtschaft ist, welche der Stadt zum Beispiel über das Sponsoring von Veranstaltungen den Rücken stärkt, gehe es nun darum, dem Klein- und Mittelstand zur Seite zu stehen. „Viele Gewerbebetriebe sind von der Eindämmungsverordnung betroffen. Die meisten von ihnen haben zwar Wege gefunden, um unter den Einschränkungen irgendwie weiterarbeiten zu können, aber: wohl niemand kommt ohne Verluste aus dieser Krise wieder heraus“, so der Bürgermeister weiter.

 

Durch diesen Schritt würden die Betriebe zum einen finanziell entlastet, immerhin verzichtet die Stadt auf Einnahmen von rund 5000 Euro pro Ausgabe. Zum anderen soll damit aber auch die Grune dafür geschaffen werden, dass nach Aufhebung der Eindämmungsverordnung sofort wieder weitergearbeitet werden kann und auch Kundschaft da ist. „Wenn es um Einsparungen geht, dann wird der Rotstift meistens zuerst bei der Werbung angesetzt - weil die naturgemäß Geld kostet, aber erst langfristig Effekte bringt“, erklärt der Bürgermeister. Diese Entscheidung kann man den Unternehmen nun wenigstens ein Stück weit abnehmen. Dass die auf diesem Wege zumindest viele Beelitzer erreichen, belegt eine Bürgerbefragung, die vor drei Jahren von der Uni Potsdam im Auftrag der Stadt durchgeführt worden war. Demnach informieren sich zwischen 90 und fast hundert Prozent der Einwohner über Vorgänge in der Stadt über die Beelitzer Nachrichten.

 

„Ich wünsche mir, dass wir alle gemeinsam die Krise überstehen und uns gegenseitig unterstützen“, sagt der Bürgermeister. „Und wir sollten nicht vergessen, dass die Geschäfte und Restaurants irgendwann auch wieder regulär öffnen werden und die Handwerker und Dienstleistungsbetriebe voll einsatzfähig sind.“ Spätestens dann komme es auf jeden an, sein Geld vor Ort auszugeben.

 

Die Beelitzer Nachrichten werden in einer Auflage von 6300 Exemplaren monatlich produziert und kostenfrei an alle Haushalte der Stadt verteilt. Beiträge und Anzeigen für die nächsten Ausgaben können bis zu den jeweiligen Redaktionsschluss-Terminen eingereicht werden. Bis 4.5. für die Mai-Ausgabe und bis zum 2.6. für die Juni-Ausgabe. Bereits geschaltete Anzeigen für die demnächst erscheinende April-Ausgabe werden ebenfalls nicht in Rechnung gestellt. Darüber hinaus können Beiträge und Informationen auch auf dem Portal www.wirtschaft-in-beelitz.de veröffentlicht werden, ebenfalls kostenfrei.


Kreativ durch die Krise

Die Beelitzer Wirtschaft hat Wege gefunden, um trotz der massiven Einschränkungen weiterarbeiten zu können. Zumindest für einen begrenzten Zeitraum geht das gut

Markus Schulze vom Beelitzer "lokal genial" ist dieser Tage viel in der Stadt unterwegs, um Mahlzeiten auszuliefern. Wie er haben sich viele auf Außer-Haus- und Lieferservices eingestellt. Foto: Stadt Beelitz
Markus Schulze vom Beelitzer "lokal genial" ist dieser Tage viel in der Stadt unterwegs, um Mahlzeiten auszuliefern. Wie er haben sich viele auf Außer-Haus- und Lieferservices eingestellt. Foto: Stadt Beelitz

Das Wirtschaftsleben in der Spargelstadt spielt sich dieser Tage größtenteils auf Rädern ab: Jetzt, da viele Geschäfte in Anbetracht der Corona-Krise geschlossen bleiben müssen, haben sich die Inhaber größtenteils auf‘s Ausliefern eingestellt. Vom Mittagessen über Bücher und Blumen bis hin zu Kleidung können sich die Beelitzer und Kunden in den Nachbargemeinden vieles von dem bringen lassen, was sie normalerweise vor Ort in den Läden  erhalten. Unterdessen läuft der Betrieb in den Handwerksunternehmen - unter zusätzlichen Schutzvorkehrungen - weiter.

 

„Wir lassen uns nicht unterkriegen. Unsere Betriebe stellen sich der Herausforderung und reagieren zumeist sehr kreativ und entschlossen auf die ungewohnte Situation“, sagt der Vorsitzende des Gewerbevereins Matthias Plönzke. Auch wenn noch längst nicht absehbar sei, wie viele der üblichen Einnahmen auf diesem Wege gerettet werden können: Alle, die dieser Tage nicht öffnen dürfen oder anderweitig durch die Notverordnung des Landes eingeschränkt sind, rechnen mit Einbußen. Und die werden auch nur zum Teil von den Finanzhilfen abgedeckt, die seit gut einer Woche über die ILB ausgezahlt werden.

 

Mit dem Soforthilfepaket des Landes können klein– und mittelständische Betriebe auf kurzem Wege ein nicht rückzahlbares Darlehen beantragen, die Finanzspritzen sind nach Betriebsgröße gestaffelt. Zwischen 9000 und 60.000 Euro sind möglich, für viele Läden und Restaurants dürfte es allerdings beim Mindestbetrag bleiben, da nur die wenigsten mehr als fünf Mitarbeiter beschäftigen. Beantragt haben alle diese Mittel, ebenso wie Kurzarbeitsgeld - allerdings sei bis jetzt noch nichts davon angekommen, so die einhelligen Rückmeldungen an den Gewerbeverein.

 

Matthias Plönzke hat selbst einen Malerbetrieb. Die finanziellen Zuwendungen würden immerhin ein bisschen helfen, sagt er. Von Steuerstundungen oder Senkung der Vorauszahlungen, wie sie von den Finanzämtern angeboten wurden, hält er indes nichts: „Bezahlen muss man sowieso - ob jetzt oder später, macht für die meisten keinen Unterschied.“ Darin liege auch der Grund, dass gerade die kleinen Unternehmen für so eine Krise wie jetzt kaum gewappnet sind: „Steuern und Abgaben drücken seit Jahren. Kaum jemand hatte da die Möglichkeit, irgendwelche Rücklagen zu bilden.“  

 

Dennoch überwiegt eine optimistische Grundstimmung: Wenn die strengen Beschränkungen im April wieder aufgehoben werden können, dann werden die Beelitzer Betriebe die Corona-Krise wirtschaftlich überstehen. Allerdings hängt das auch davon ab, wie treu die Kunden sind. Und es ist nicht zuletzt ein ordentliches Stück Arbeit.

 

Die Beelitzer Modegeschäfte zum Beispiel haben ihre Internetseiten um eine Bestell-Galerie erweitert. Dort kann man sich eine Auswahl der aktuellen Kollektionen anschauen, sich seinen Einkauf zusammenstellen und telefonisch ordern. Während das Geschäft Blickfang kostenfrei per Paketdienst versendet und Retourlieferungen ermöglicht, fahren die Kolleginnen von Family-Moden und dem Jeans-Pub persönlich aus. „Bei uns werden die Wunschartikel im Tütchen verpackt und dann vor die Haustür gebracht“, erläutert Ramona Drewicke von family-Moden. Die Kunden können alles in Ruhe anprobieren, was nicht gekauft wird, kommt einfach wieder zurück in die Tüte und wird von uns abgeholt.“ Vor Ostern gibt es darüber hinaus noch 20 Prozent Rabatt. Ähnlich handhabt es das Team vom Jeans-Pub. „Die Corona-Krise trifft uns alle sehr, doch zusammen können wir es schaffen“, werben die Inhaberinnen Kornelia Hölzel und Bärbel Wardin. Ebenfalls möglich ist in allen Geschäften der Erwerb von Gutscheinen - als Geschenk oder für sich selbst in Vorfreude auf die Zeit, wenn die Läden wieder öffnen.

 

Auch die Geschäfte im Schmiedehof liefern dieser Tage ihre Waren aus: Optiker Stefan Fuhrmann bietet an, an der Haustür Brillen anzupassen oder zur Reparatur abzuholen, auch Augenprüfungen sind möglich - sowie natürlich Brillenbestellungen, die dann wiederum vorbeigebracht werden. Nebenan, im Geschäft „Ein Buchladen“ von Michaela Loth, klingelt ebenfalls regelmäßig das Telefon. Die Leute brauchen Bücher und CD‘s, vor allem jetzt, da viele zu Hause sind. Sie nimmt die Bestellungen entgegen und bringt sie zu den Kunden.

 

Aber es wird nicht nur vermehrt gelesen: Jetzt, da viele zu Hause sind, bekommt auch das Thema Handarbeit vom Nähen bis hin zum Stricken einen neuen Stellenwert. Darauf hat sich die Beelitzer Familie Menecke eingerichtet, die in ihrem Laden „C&M Wollmäuse“ Bestellungen rund um Handarbeitsbedarf und Stoffe aufnimmt und ausliefert. Nicht einmal auf Blumen müssen die Beelitzer Verzichten: Im Blumenladen La Flor werden auch weiterhin bunte Sträuße gebunden, stehen nach wie vor Topfblumen und Pflanzen für Balkon und Garten zum Verkauf. Was gewünscht ist, wird spätestens zwei Tage nach Bestellung vorbeigebracht.

 

Übrigens bietet der Beelitzer Einzelhandel durch die Corona-Krise dieser Tage einen erheblichen Zeitvorteil gegenüber Online-Bestellplattformen: Während Amazon und Co. knallhart priorisieren, welche Waren wann verschickt werden und mittlerweile bis zu vier Wochen Lieferzeit veranschlagen, ist der Händler nebenan wesentlich schneller und flexibler, kann darüber hinaus auch noch beraten und sofort umtauschen.

 

Unterdessen haben auch die Gastronomen in der Spargelstadt reagiert. Einer, der dieser Tage sehr viel unterwegs ist, ist Markus Schulze vom „lokal genial“. Als die Restaurantschließungen vom Land festgelegt wurden, hatte er kurzerhand eine Mittagskarte zusammengestellt. Um die hundert Mahlzeiten liefert er nun täglich aus. „Man muss unternehmerisches Chamäleon sein und sich anpassen, um zu überleben“, sagt er. Und das halten viele so: Einen Mittagstisch– und Lieferservice bietet bereits seit längerem auch das Catering-Unternehmen „Kochgenuss und Feinkost“ - so wie das Restaurant „LandMahl“, das ebenfalls eine extra Karte zusammengestellt hat. Das Familienrestaurant „Rehkopfs‘“ im Stadtbahnhof und auch Pizza-Pick liefern indes ab 16 Uhr sowie durchgehend am Wochenende. Da niemand jeden Tag das Gleiche bestellt, ergänzen sich die Gastronomen mit ihren Angeboten. Markus Schulze spricht sogar von Solidarität: „Wenn Rehkopfs zum Großmarkt fahren und für uns gleich Cateringbehälter mitbringen, dann ist das nicht nur praktische Hilfe, sondern zeigt, dass wir hier alle im selben Boot sitzen.“

 

Andere bieten einen Außer-Haus-Service, man kann sich sein Essen also selbst abholen. So macht es die Lindenschenke in Elsholz und das Restaurant Jakobs-Stuben in Beelitz. Die Spargelhöfe sind dieser Tage ohnehin gefragt, auch wenn lediglich die Hofläden und die Verkaufsstände am Feld geöffnet werden dürfen. Beim Spargelhof Klaistow kann man zudem auch online bestellen und bekommt neben allem, was der Hofladen bietet, sogar frischen Spargel vor die Tür geliefert. Auch der Syringhof in Zauchwitz hat einen Online-Shop, bietet zudem auch einen Lieferdienst für‘s Essen.

 

Alles in allem sorgen die Beelitzer Gewerbetreibenden dafür, dass man auch in Zeiten der Krise auf die meisten Waren und Dienstleistungen nicht verzichten muss. „Wir alle können ziemlich stolz darauf sein, was zurzeit in unserer Stadt auf die Beine gestellt wird“, sagt auch Bürgermeister Bernhard Knuth. Die Stadtverwaltung hat die vielen Angebote zusammengetragen und auf der Internetseite www.beelitz.de sowie auf dieser Seite veröffentlicht - mit den entsprechenden Links. Schon mit Beginn der Corona-Krise hatte der Bürgermeister die Einwohner dazu aufgerufen, den Beelitzer Gewerbetreibenden die Treue zu halten. „Vieles bekommt man auch weiterhin hier bei uns in der Stadt. Und größere Anschaffungen, die man zurzeit nicht realisieren kann, sollte man vielleicht erst einmal hintenanstellen, bis die Geschäfte wieder regulär geöffnet haben.“ Und auch Gewerbevereinschef Matthias Plönzke appelliert an die Einwohner: „Unsere Unternehmen brauchen jetzt Ihre Unterstützung. Jeder, der vor Ort Waren kauft und Dienstleistungen in Auftrag gibt, trägt dazu bei, dass wir auch morgen noch hier sind.“


Wenn alle an einem Strang ziehen

 Der Beelitzer Gewerbeverein hat den Frühling offiziell eingeläutet: Mit dem Maibaum, der am 30. April gemeinsam mit vielen weiteren Beteiligten aus anderen Vereinen, der Stadt und der Feuerwehr aufgestellt wurde. Die Botschaft, die dahinter steckt: In Beelitz ziehen alle an einem Strang. Und so waren auch wieder viele Besucher am frühen Abend vorbeigekommen, um dem Spektakel zuzuschauen und danach zu Musik in den Wonnemonat zu tanzen.

 

Auch in diesem Jahr hatte der Gewerbeverein wieder ein tolles Programm auf die Beine gestellt, unter anderem mit der Garde des Beelitzer Carneval Clubs und einem Travestie-Künstler. Außerdem wurde wieder ein sportlicher Ehrengast begrüßt: Birgit Fischer, die erfolgreichste deutsche Olympia-Teilnehmerin überhaupt. Die Kanutin holte im Laufe ihrer Karriere insgesamt acht Gold– und vier Silbermedaillen. Im Gespräch mit Gewerbevereinchef Norbert Wuck und Bürgermeister Bernhard Knuth berichtete sie, dass solche Erfolge nur möglich sind, wenn die Familie hinter einem stehe. Natürlich wurde die Sportlerin auch nach ihren Spargelgewohnheiten befragt: „Am liebsten gebraten. Aber immer ohne Hollondaise“, verriet sie. Birgit Fischer durfte sich auch in das goldene Gästebuch der Stadt eintragen.

 

Eine weitere Mai-Tradition des Gewerbevereins: Hier treffen noch einmal beide Spargelköniginnen aufeinander - die ehemalige und die neue - und so waren Nicole Hahn und Lara Luisa Kramer vor Ort. „Die beiden königlichen Hoheiten ergaben mit Birgit Fischer ein tolles Trio, das beim Aufstellen des Maibaums angepackt hat“, berichtet Norbert Wuck. Aber natürlich ging es ohne Männer nicht: Die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr, der Bürgermeister und Mitglieder des Gewerbevereins halfen mit.

 

Nachdem dieser „Kraftakt“ vollführt war und von den Feuerwehrleuten gegen den an jenem Tage frischen Wind gesichert wurde, lockerte sich die Stimmung. Die Garde des BCC stimmte die Anwesenden mit ihrem Tanz „Fluch der Karibik“ auf den kommenden Tanz in den Mai ein, danach sorgte John Idell in seinen schillernden Kostümen mit französischen Chansons, Anekdoten und Witzen für Lacher - ein weiterer Höhepunkt der Veranstaltung.

 

Für die über Tausend Besucher standen auf dem Kirchplatz Stände bereit, die Fleischereien König und Becker boten unter anderem Gegrilltes an. Auch die Kinder hatten ihren Spaß und tanzten vor der Bühne. Gegen 20 Uhr nahm dann der „Musik-Express Beelitz“ mit den DJ‘s Jens-Uwe und Birgit Gimbatschki Fahrt auf.  Mit Stimmungsmusik, aktuellen Hits und Oldies konnte bis weit in den Mai getanzt werden.

 

Wir danken den Akteuren, der Stadtverwaltung Beelitz und allen ehrenamtlichen Helfern, welche wir alle nicht einzeln erwähnen können. Als letztes möchte ich auch ein Dankeschön an die Beelitzer selbst sagen, weil es mit Euch immer ein tolles und friedliches Feiern und Miteinander ist.      


Willkommen in der Spezialitäten-Stube

Behaglich ist er geworden, der Laden im Stadthaus in der Berliner Straße 200: Türen und Fenster sind im dunklen Grün gehalten, antike Leuchter verbreiten warmes Licht. Die umlaufenden Fliesen enden auf halber Raumhöhe in kunstvollen Bordüren, die Blumenmotive und Pfauen zeigen: Es sind Spezialanfertigungen aus England, historischen Vorbildern aus der Kolonialzeit nachempfunden. Die Räume verbinden Tradition und Moderne - ein klassisches Ambiente, kreativ inszeniert, mit dem Blick auf die Beelitzer Altstadt vor den Scheiben. In dieser einzigartigen Atmosphäre kann man seit kurzem Feinkost und Spezialitäten kosten und kaufen: Hausgemachte Wurst vom Familienbetrieb Kaplick aus Alt Bork, Sanddornlikör und Rumtöpfe aus der Süßmost– und Weinkelterei Hohenseefeld, Leinöl aus der Schulzendorfer Ölmühle. Und Kaninchenkost aus Beelitz.

 

Inhaberin Steffi Schmidt, zugleich Chefin des renommierten Kaninchenspezialitätenbetriebes in der Brücker Straße, hat die Generalprobe bestanden: Seit der Eröffnung  ihres Ladens „Kaninchen und Spezialitäten“ Ende November geben sich die Gäste die Klinke in die Hand. „Viele bestellen jetzt ihre Weihnachtsbraten, kommen wegen unseres Mittagsangebotes“, berichtet sie. Und manche wollen einfach nur schauen, was aus der ehemaligen Eisdiele in der Beelitzer Altstadt geworden ist.

 

Erst im März hatte der Beelitzer Optiker Stefan Fuhrmann das Gebäude gekauft, um es zu sanieren und zurück in das städtische Leben zu holen. Das bis dato eher unscheinbare Haus neben der Adler-Apotheke hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich: Im 19. Jahrhundert diente es als Zigarrengeschäft und Friseur, später nur noch als Friseur. Zuletzt befand sich hier eine Eisdiele. Äußerlich hatte sich seither nicht viel getan, doch in den letzten Monaten wandelte sich das Gesicht des Gebäudes rasant: Das Dach wurde erneuert, die Fassade rekonstruiert und neue Holztüren und –fenster eingesetzt. Auch die Leitungen mussten überarbeitet und schließlich die Ladenräume hergerichtet werden. „Gerade in der Schlussphase wurde es richtig anspruchsvoll“, berichtet der Eigentümer. Pünktlich zum Adventsmarkt sollte das Geschäft eröffnet werden, sodass der umsatzstarke Dezember von der neuen Mieterin mitgenommen werden kann.

 

Das Spezialitätengeschäft im Erdgeschoss war von Anfang an fester Bestandteil des Sanierungs– und Nutzungskonzeptes. Steffi Schmidt wollte das Haus ursprünglich selbst übernehmen, die jetzige Lösung ist ihr aber lieber - immerhin kann sie sich so auf die Vermarktung konzentrieren - und den Ausbau des Sortiments. „Auf der Grünen Woche im Januar werden wir die Werbetrommel für den Laden rühren“, kündigt sie an. Dort hat ihr Unternehmen seit Jahren einen eigenen Stand, der Name „Kaninchen-Schmidt“ ist vielen Berlinern ein Begriff. In früheren Jahren sei sie vor allem dort immer wieder gefragt worden, wo man die Erzeugnisse des Beelitzer Familienbetriebes kaufen kann. Einen Hofladen gab es bislang nicht, der Verkauf erfolgte gewissermaßen zwischen Tür und Angel auf dem Firmengelände - oder über die Supermärkte und Hofläden anderer Anbieter.

 

Für Stefan Fuhrmann, der im Frühjahr mit der Sanierung des Obergeschosses weitermachen möchte und hier letztendlich auch wohnen will, ist die Gebäudesanierung weitgehend Neuland gewesen. „Man muss vor allem lernen, ruhig zu bleiben“, schmunzelt er. Obwohl er den beteiligten Firmen aus Beelitz und der näheren Umgebung durchweg gute Arbeit bescheinigen kann. „Aber gerade bei alten Häusern ist man vor Überraschungen nicht gefeit.“

 

Zur Eröffnung Ende November waren fast alle Gewerbetreibenden aus der Altstadt vor Ort gewesen und haben die neuen Nachbarn begrüßt. „Sie alle freuen sich, dass hier ein frequentiertes Geschäft entstanden ist, das Kunden lockt und unsere Altstadt weiter belebt“, sagt Bürgermeister Bernhard Knuth. Er hat dem Sanierungsprojekt ein Stück weit den Weg geebnet und Investor und Mieter zusammengebracht. „Herr Fuhrmann hat zwei wesentliche Dinge bewirkt: Zum einen wurde ein städtebaulicher Missstand behoben, zum anderen wurde ein Unternehmen im Stadtkern verankert, das weithin bekannt ist.“

 

 Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 10 bis 18 Uhr, samstags 9 bis 12 Uhr. Montags bis auf Weiteres Ruhetag.


Der Herbst wird zum Frühling für Beelitz Heilstätten

Kühl weht der Wind hoch über Heilstätten. Er zwickt im Gesicht und bringt die Baumkronen zum Rauschen – während die tiefstehende Herbstsonne die bunten Blätter leuchten lässt. Wie ein Gemälde kommt die Kulisse daher, eine begehbare Collage aus grünen, gelben, braunen und roten Klecksen, nur hin und wieder durchbrochen von den pittoresken Dächern der historischen Klinikgebäude. Es ist ein atemberaubender Blick, den man vom neuen Baumkronen– und Zeitreisepfad über die Landschaft hat – bis nach Berlin im Norden und den Fläming im Süden. Die Aussicht lockt immer mehr Menschen aus der Region, aber auch weit darüber hinaus, in die Stadt.

 

„Die Japaner interessieren sich sehr dafür, die mögen das Außergewöhnliche“, sagt Georg Hoffmann und schaut über die Brüstung in die Ferne. 23.000 Gäste seien allein in den ersten vier Wochen seit der Eröffnung Mitte September hier gewesen, berichtet der Chef der Heilstätten Projekt Gesellschaft, die die Anlage errichtet hat und betreibt. Und die Rückmeldungen sind durchweg positiv. „Alle Achtung!“, schreibt zum Beispiel eine Besucherin im sozialen Netzwerk Facebook. „Es ist auch wirklich einen Besuch wert“, bemerkt eine andere.

 

Für Georg Hoffmann sind solche Stimmen Bestätigung dafür, dass er mit seiner Vision vom Wandel über Heilstätten goldrichtig gelegen hat. Vor vier Jahren war er mit der Idee angetreten, den seit Jahrzehnten leer stehenden A-Quadranten des um 1900 errichteten Klinikkomplexes aus der Höhe erlebbar zu machen und weiterzuentwickeln.

 

Keine leichte Aufgabe: Fördermittel gab es keine und neben den Hürden der Genehmigungsbehörden wurden die Bauarbeiten im Frühjahr dieses Jahres massiv sabotiert: Die Vandalismus– und Partyszene, die sich hier über die Jahre frei entfalten konnte, wollte das Gelände nicht preisgeben: So wurde unter anderem der Eingang der ehemaligen Chirurgie zerstört sowie immer wieder die Zäune, mit denen die Gebäude gesichert wurden. Dem Spuk konnte erst durch verstärkte Polizeipräsenz und die erfolgreiche Ermittlung der Täter ein Ende bereitet werden.

 

Insoweit hat der Baumkronenpfad, der seit dem Sommer in Rekordzeit errichtet worden ist, die Heilstätten zurück in die Mitte der Gesellschaft geholt. Heute sieht man Senioren, junge Paare und Familien mit Kindern flanieren. Es herrscht eine stille, fast andächtige Atmosphäre: In Anbetracht der altehrwürdigen Gebäude und der intensiven Nähe zu den hohen Bäumen redet man automatisch leiser, hält immer wieder inne und staunt.

 

„Für Botaniker ist hier vieles interessant“, erläutert Georg Hoffmann. Er zeigt auf eine Kiefer, die bis zur Krone von einer Schlingpflanze eingewachsen ist. Vom Boden aus wäre das den wenigsten aufgefallen. 40 verschiedene Baumarten gibt es hier, zwischen Kiefern und Fichten stehen Tannen, Roteichen, Buchen und viele weitere Arten. „Der Bestand wird zurzeit erfasst. Wir wollen in Zukunft thematische Führungen dazu anbieten.“

 

Das für die meisten wohl spannendste Erlebnis aber ist der Blick in die zum Teil verfallenen Häuser. Der Pfad führt über die Frauenheilstätte A3, deren Dach zum Ende des Zweiten Weltkrieges von Bomben hinweggerissen wurde. Dafür ist über die Jahrzehnte ein Wald auf dem Gemäuer gewachsen, hat sich die Natur das Haus einverleibt. Mitten in diesem einzigartigen Hochwald steht noch heute ein rostiges Bettgestell. Ein Stück weiter erhascht man einen Blick direkt in die oberen Räume. Ein Graffiti-Auge blickt von einer Wand aus zurück. „Es ergeben sich völlig neue Sichtbeziehungen. Und auch die Graffiti sind ein Teil der Geschichte dieses Ortes“, findet Hoffmann.

 

Mit dem 300 Meter langen Abschnitt des Baumkronenpfades und dem Aufgangs– und Aussichtsturm ist ein neues Kapitel in der wechselvollen Geschichte der Heilstätten angestoßen worden. Der Hochweg soll in Zukunft auf bis einen Kilometer Länge erweitert werden, die Gebäude will die HPG entwickeln. Die ehemaligen Liegehallen haben nach der Rekonstruktion jetzt schon eine neue Funktion: als Kassenhaus, Ausstellungspavillon und Kiosk. Die großen Häuser sollen folgen: Gewerbe, Gastronomie und Wohnen könnten dort bald Platz finden. „Wichtig wäre, dass die Anlage bewohnt wird, dass sie lebt“, wünscht sich Georg Hoffmann. Ein Stück weit ist dieses Ziel schon erreicht. Allein an diesem Montag kommen 700 Besucher. „Manche sind nicht zum ersten Mal hier“, erläutert der Geschäftsführer. Denn jeden Tag sehe man neue Dinge – je nach Tages-, Jahreszeit oder Wetterlage. Auch er selbst sei immer wieder überrascht.

 

Zu den ersten Besuchern im September gehörte Bürgermeister Bernhard Knuth: „Für Beelitz, seine Bürger und Unternehmen ist die Anlage in eine unschätzbare Bereicherung“, erklärte er. „Nach Jahrzehnten des Leerstandes können die Gebäude endlich gesichert und entwickelt werden.“ Zudem werde für Ausflügler der Beelitz-Besuch durch den Baumkronenpfad unvergesslich. „Man erlebt, wie Natur und Geschichte ein spektakuläres Bild geschaffen haben, das gerade jetzt im Herbst in den schönsten Farben gemalt wird.“ Und davon wird sich noch so mancher überzeugen wollen – egal, wo er wohnt.


Gute Bedingungen für Beelitzer Unternehmen

Ur-Beelitzer Unternehmen: Die Firma Bernd Güldner aus Buchholz. Foto: Günter Laurich
Ur-Beelitzer Unternehmen: Die Firma Bernd Güldner aus Buchholz. Foto: Günter Laurich

Gewerbetreibende müssen in der Spargelstadt weitaus weniger Steuern zahlen als in den meisten anderen Brandenburgischen Städten. Das hat jetzt ein Vergleich des statistischen Landesamtes ergeben. Demnach liegt Beelitz mit einem Hebesatz von 306 Prozent bei der Gewerbesteuer im absolut unteren Bereich. Niedriger sind die Sätze nur noch in den Städten Gransee, Havelsee und Herzberg (Elster), dort liegen sie bei je 300 Prozent. Die Spitzenposition hat laut Statistikamt die Landeshauptstadt Potsdam mit 450 Prozent.

 

„Gute Rahmenbedingungen für Unternehmen sind der Schlüssel zu einer erfolgreichen Entwicklung der gesamten Stadt“, sagt Bürgermeister Bernhard Knuth. Er verweist auf die vielen Gewerbeflächen, welche Beelitz allein in den vergangenen Jahren durch die Sanierung von kommunalen Gebäuden geschaffen hat sowie auf die Unterstützung bei privaten Investitionen. Auch vom Marketing auf Messen wie der Grünen Woche und in diesem Jahr der Bundesgartenschau in der Havelregion würden die Beelitzer Betriebe profitieren. „Konstante Realsteuern gehören natürlich auch dazu“, ergänzt der Bürgermeister.

 

Seit Jahren liegt der Hebesatz für die Gewerbesteuer bei 306 Prozent. Wie viel ein Unternehmen zahlen muss, errechnet sich aus dieser Zahl, die mit dem Steuermessbetrag multipliziert wird. Dieser wiederum beträgt in der Regel 3,5 Prozent des Ertrages, den ein Unternehmen im Jahr erwirtschaftet hat. Allerdings gilt derzeit ein Freibetrag von 24.500 Euro, also zahlen vor allem kleine Unternehmen keine oder kaum Gewerbesteuer.

 

In Beelitz sind die Einnahmen aus der Gewerbesteuer in den vergangenen Jahren beachtlich gestiegen: Waren es 2011 noch 1,56 Millionen Euro, flossen im vergangenen Jahr schon über 2,06 Millionen Euro ins Stadtsäckel, wobei rund 130 Unternehmen im Stadtgebiet Gewerbesteuer gezahlt haben. Die wachsenden Einnahmen hängen zum Einen mit neuen Unternehmen im Stadtgebiet zusammen, zum Anderen mit höheren Erträgen. „Betriebe wie unsere Spargelhöfe, aber auch die Handwerker und Händler, investieren regelmäßig in ihre Standorte und erweitern ihr Angebot. Sie sind für ihre Kunden verlässliche Partner, machen sich damit einen Namen und tragen so auch zum guten Image unserer Stadt bei“, erklärt Bürgermeister Knuth.

 

Dass die Beelitzer Wirtschaft auch von sich aus aktiv wird, wenn es um die Imagepflege geht, zeigen auch die regelmäßigen Aktionen des Gewerbevereins: Vom Aufstellen des Maibaumes über die lange Einkaufsnacht im September bis hin zum Halloweenfest im Oktober setzen die Gewerbetreibenden immer wieder Akzente für Bürger und Kunden. Darüber hinaus ist die Zusammenarbeit mit der Stadt besonders eng – so gehört der Gewerbeverein zu den stärksten Unterstützern der Landesgartenschaubewerbung der Spargelstadt und auch bei den derzeit laufenden Beelitzer Festspielen wirbeln viele Unternehmen hinter den Kulissen – vom Gerüstbauer bis hin zur Maskenbildnerin und dem Friseur.



Großer Preis des Mittelstandes für Beelitzer Bäckerei Exner

Tobias und Kathleen Exner. Foto: Lähns
Tobias und Kathleen Exner. Foto: Lähns

Es ist immer ein eiserner Grundsatz gewesen: Nur wer zur Preisverleihung erscheint, erhält auch einen Preis. Und doch ist die Oskar-Patzelt-Stiftung in diesem Jahr erstmals davon abgerückt – und hat der Beelitzer Bäckerei Exner den renommierten „Großen Preis des Mittelstands“ in Abwesenheit verliehen. „Als wir den Grund erläutert haben, gab es von allen Seiten Verständnis“, sagt Bernd Schenke, Vorstandssprecher der Stiftung. Denn Familie Exner erwartet Nachwuchs – mit den entsprechenden gesundheitlichen Begleiterscheinungen für die Mama.

 

Kathleen und Tobias Exner haben Ende September zum Empfang nach Beelitz geladen und den Preis nun zu Hause, am Beelitzer Unternehmenssitz, überreicht bekommen – ein klares Zeichen dafür, dass der Familienbetrieb bei der siebenköpfigen Jury einen starken Eindruck hinterlassen hat. Jedes Mitglied habe sich bei der Verleihung Anfang September in Dresden vorbehaltlos für dieses Unternehmen als ersten Preisträger in Berlin und Brandenburg ausgesprochen, erklärte Bernd Schenke. „Wir bewerten die Unternehmen ganzheitlich. Und doch ist bei Ihnen die Qualifizierung der Mitarbeiter, egal in welcher Altersgruppe, herausragend“, sagte er gestern in Beelitz.

 

Das 1976 gegründete Unternehmen mit mittlerweile 44 Fachgeschäften im Südwesten Brandenburgs und in Berlin beschäftigt heute über 200 Mitarbeiter und bildet jährlich junge Leute in Berufen wie Bäcker, Konditor, Fachverkäufer und – als erste Bäckerei im Lande – auch Systemgastronomen aus. Das passiert nicht nur praktisch am Hauptsitz sowie in den Bäckereifachgeschäften und -cafés, sondern auch theoretisch im eigenen Aus- und Weiterbildungszentrum. Die BäckereifachverkäuferInnen erhalten derzeit nach und nach eine zusätzliche Qualifizierung zum Barista, also zum Kaffeespezialisten. Die Fortbildung findet in Wien statt.

 

„Sie setzen auf Qualität – und das auch bei den Mitarbeitern“, sagte Brandenburgs Arbeitsminister Günter Baaske (SPD), der das Unternehmen für den Preis vorgeschlagen hatte. Das gelinge durch Qualifizierungen und „und indem sie die Leute anständig bezahlen“, so Baaske. „Auf einem hart umkämpften Markt haben Sie sich bewährt und sogar noch expandiert“, würdigte er die Entwicklung des Betriebes.

 

Die soziale Komponente spielte beim Wettbewerb, an dem in diesem Jahr allein aus Brandenburg und Berlin 361 Unternehmen teilgenommen hatten, neben dem wirtschaftlichen Erfolg und den Innovationen ebenfalls eine große Rolle. Familiäre Belange der Mitarbeiter finden generell Eingang in die Dienstpläne der Mitarbeiter, Schwangere können sofort ein Beschäftigungsverbot geltend machen und bei Lohnfortzahlung durch die Kasse zu Hause bleiben. Partnerschaften gibt es unter anderem zur Beelitzer Solar-Oberschule und dem Förderverein Beelitzer Bockwindmühle, der auch das frische Mehl für „Exners Mühlenbrot“ liefert.

 

Mit dem Großen Preis des Mittelstandes ist das Beelitzer Familienunternehmen nun endgültig in die erste Liga der Brandenburgischen Unternehmenslandschaft aufgestiegen. „Wir sind unheimlich stolz darauf. Der Preis ist aber vor allem eine Auszeichnung für unsere Mitarbeiter“, so Firmeninhaber Tobias Exner. Senior-Chef Ingo Exner, der das Ruder vor acht Jahren an seinen Sohn übergeben hatte, unterstrich, dass die Angestellten schon immer eine zentrale Rolle gespielt hätten. „Ohneeinander wären wir nichts“, sagte er.

 

Für die Stadt Beelitz überbrachten der stellvertretende Bürgermeister Torsten Zado und die amtierende Hauptamtsleiterin Dörthe Kiesel Glückwünsche. „Wir sind stolz, dass wir so ein erfolgreiches Unternehmen in unserer Stadt haben“, erklärte Torsten Zado. „Die Bäckerei Exner trägt dazu bei, dass unsere gesamte Region gestärkt wird.“ Das gelinge mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, mit einem breiten Engagement im gesellschaftlichen Bereich und mit dem wirtschaftlichen Erfolg – der die Bäckerei zu einem Aushängeschild für den Standort Beelitz macht.